Von eigenen Gnaden

Das verlassene Kloster

Das verlassene Kloster

Die Unterkunft Alkarin Faldarions ist eine Art Baumhaus. Doch ebenso wie die Terrasse besteht sie nicht aus gezimmerten Brettern oder anderen, handwerklich verarbeiteten Materialien die von Nägeln oder Seilen zusammengehalten werden. Vielmehr scheint das Baumhaus, die Terrasse, das Dach und alles um die Freunde herum auf natürliche Art und Weise aus dem Stamm und den Ästen der wundersamen Eiche gewachsen zu sein. Ganz natürlich sind Dutzende von Ästen und Zweigen zu einem Dach zusammengewachsen oder besser: geflochten. Riesige, breite Äste sind auf ihrer Oberseite flach und glatt, so dass man bequem auf ihnen gehen kann. Andere Äste wachsen in regelmäßigen Abständen um den Stamm herum und bilden so etwas wie Treppenstufen. Wie Flechtwerk ineinander verwachsene und belaubte Zweige bilden bequeme Sitzgelegenheiten. Die Freunde kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Durch eine Öffnung, die an ein riesiges Astloch erinnert, führt Alkarin seine Gäste ins Innere. Der Raum den sie betreten ist überraschend groß, ja beinahe weitläufig. Die Formen sind fließend und unregelmäßig. Auf den ersten Blick scheint ein Chaos von gewachsenen Podesten, Regalen, Nischen zu herrschen. Auf den zweiten Blick jedoch ist alles in perfekter Ordnung. Jeder Vorsprung und jede Nische ist genau dort, wo sie den meisten Sinn ergibt. Und es ist hell. Auch hier dringt das Licht der Sonne durch das durchscheinende und glitzernde Blätterdach.
“Das dort ist Hrothar, mein Schüler.” sagt Alkarin und deutet mit der Hand auf einen jungen Mann, der im Schneidersitz neben einem hölzernen Ring sitzt der aus dem Fußboden wächst, und über und über mit bunten Blüten bedeckt ist. Um ihn herum stehen einige kleine Holzschalen, die mit verschiedenen Nüssen, Früchten und Beeren gefüllt sind.
“Sei gegrüßt, Hrothar.” sagt Grimmar, und als Tarmor ebenfalls anhebt den Schüler zu grüßen fällt ihm Faldarion ins Wort. “Er kann euch nicht hören. Und auch nicht sehen. Kommt herüber und nehmt Platz.” Der Halbelf weist auf eine nahezu im Halbkreis gewachsene gewachsene Bank.
“Wie unterrichtet Ihr Euren Schüler?” fragt Squeech neugierig. “Er kann Euch weder sehen noch hören.”
Der Halbelf lächelt Squeech an und legt den Kopf leicht schief. “Wir haben Mittel und Wege, mein Freund.” Der kleine Hexer bemerkt ein Bewegung im Augenwinkel. Als er zu Hrothar hinüberblickt sieht er, wie auch der Schüler den Kopf leicht schief legt und das Lächeln auf seinem Gesicht ist dem Alkarins sehr ähnlich.
“Wie kann ich euch helfen?” fragt Alkarin in die Runde. Auf ein Nicken von Tarmor und Squeech hin erzählt Grimmar die zusamengefasste Geschichte, erweitert um seine eigenen Visionen in den Flammen des Angrosch. Alkarin hört aufmerksam zu und schweigt noch einige Minuten nachdem der Zwerg geendet hat. Dann spricht er unvermittelt in die Stille hinein. “Ihr müsst nach Hordenthron. Dort findet ihr die Schmiede des Hasses, und dies ist der Ort, an dem das Saatkorn erschaffen wurde. Wenn es irgendwo vernichtet werden kann, dann dort! Doch muss ich euch warnen: kein Sterblicher ist je aus Hordenthron zurückgekehrt – wenn überhaupt jemals ein Sterblicher dort gewesen ist.”
Doch die Gefährten lassen sich nicht beirren.
“Wir danken für Eure Warnung, Meister Alkarion. Doch unser Weg bis hierher war bereits zu weit, als dass wir noch umkehren könnten. Nie zuvor ergab sich überhaupt die Gelegenheit, das Saatkorn des Hasses zerstören zu können. Wenn wir dafür nach Hordenthron zur Schmiede des Hasses müssen, dann soll es so sein!” Tarmor spricht mit fester Stimme und macht klar, dass zumindest er die bevorstehende Queste als sein Schicksal ansieht und nicht mehr in Frage stellen möchte. Grimmar nickt entschlossen, und nach einem langen Augenblick tut Squeech es ihm gleich.
Alkarin fährt fort: “So sei es denn, meine Freunde. Zwar grenzt euer Vertrauen in eure Fähigkeiten schon beinahe an Dummheit,” erhält kurz inne und blickt in die Gesichter seiner Gäste bevor er weiterspricht, “doch euer Mut und das Vertrauen in das Gute ist mindestens ebenso groß! Und das ist es, was ihr am meisten brauchen werdet. Mir ist ein Zugang zur siebten Sphäre bekannt. Doch er liegt in einem Unheiligtung des Herrn Der Rache, viele Meilen entfernt von hier. An diesem Ort kehrte der Pilger in unsere Welt zurück.”
“Bor-al-Barad!” zischt Grimmar zwischen den Zähnen hervor.
“Mag sein,” entgegnet Alkarin, “doch sicher ist das nicht. Es gibt zwar viele Parallelen, was diese beiden Entitäten betrifft, doch niemand weiß tatsächlich genau ob der Eine auch der Andere ist. Über dem besagten Unheiligtum des Blakharaz errichtete ein von Visionen erleuchteter Praiospriester dereinst ein Kloster, um das Tor zur siebten Sphäre mit einem Heiligtum für immer zu versperren.”
“Arras de Mott!” entfährt es Tarmor. “Ihr sprecht vom heiligen Arras de Mott, der das gleichnamige Kloster im Finsterkamm errichtete.”
Alkarin fährt fort: “Das Kloster Arras de Mott im Finsterkamm! Bei der Rückkehr des Pilgers wurde das Kloster nahezu vollständig zerstört und das Praios-Sanctum entweiht. Das vergessene Unheiligtum des Blutsaufenden konnte wieder erstarken, und mir ist kein anderer Ort bekannt, an dem die Barriere zwischen den Sphären so gefährlich dünn ist wie dort.”
“Dann lasst uns keine Zeit verlieren!” sagt Grimmar voller Tatendrang. “Das Kloster ist fast tausend Meilen von hier entfernt. Selbst ohne Zwischenfälle haben wir nahezu zwei Wochen Reise vor uns.”
Doch Alkarin beruhigt ihn: “Grimmar, alter Freund, wenn ich auch sonst nichts zum Gelingen eurer Queste beitragen kann – hier kann ich euch helfen!” Lächelnd blickt er hinüber zu Hrothar, der ebenfalls lächelnd immer noch vor dem mit bunten Blüten übersäten Holzring sitzt. Die drei Freunde tun es Alkarin gleich und sehen, wie der Schüler des Halbelfen eine weiße Eichel aus einer der hölzernen Schalen neben sich fischt, und sie mit Daumen und Zeigefinger durch den Holzring schnippt. Auf dem Gesicht von Squeech breitet sich ein Grinsen aus, als die Eichel nicht wie erwartet auf der anderen Seite zu Boden fällt, sondern wie von Zauberhand in dem Hölzernen Ring verschwindet.
“Lasst uns reisen, Freunde!”

Comments

Praesi Praesi

I'm sorry, but we no longer support this web browser. Please upgrade your browser or install Chrome or Firefox to enjoy the full functionality of this site.