Von eigenen Gnaden

Ein neues Bündnis

Ein neues Bündnis

Tarmor ist nicht wirklich verwundert, als Praiodan ihm die Nachricht von Juniors Abreise überbringt. Der Magier hat seine Queste abgeschlossen, und darf sich nun zurecht in der Anerkennung und der Bewunderung seiner Kollegen sonnen.
Die Unterredung der beiden Praiosgeweihten ist kurz. Das Misstrauen Praiodans ist zu groß, als das Tarmor ihn weiterhin ins Vertrauen ziehen möchte. Die anfängliche Sympathie, die Tarmor für seinen Bruder im Glauben hegte ist dahin, und so hält ihn nach einem kurzen Gebet zu seinem Gott nichts mehr im Tempel. Er macht sich also auf den Weg, um auf Einladung von Grimmar Winterfaust den Tempel des Ingerimm – oder wie die Zwerge ihn nennen, Angrosch – zu besuchen.
Als Tarmor aus dem Praiostempel ins Freie tritt fühlt er, wie die Last auf und zwischen seinen Schultern zurückkehrt. Zugleich fühlt er sich jedoch auch stark und voller unbändiger Kraft, und ein Gefühl von Macht durchströmt ihn, als er die Hand auf den Knauf seines Knochenschwertes legt.
Der Ingerimmtempel, der oberirdisch lediglich aus dem viezig Schritt hohen und aus gebrannten roten Ziegeln gemauerten Schlot besteht, ist leicht zu finden. Dort wird er bereits erwartet und von zwei Zwergen in rußigen Lederschürzen ins Innere geleitet, und zu den Räumlichkeiten des obersten Geweihten geführt. Grimmar Winterfaust erwartet ihn, und auch Squeech ist bereits hier und begrüßt seinen Freund. Winterfaust tritt auf Tarmor zu und begrüßt ihn mit aufrichtiger Freundlichkeit.
“Euer Freund hier hat mir schon viel über eure gemeinsame Reise erzählt” spricht Winterfaust zu Tarmor und deutet dabei auf Squeech. “Bevor ich Euch jedoch als Gast in diesen heiligen Hallen empfange, muss ich Euch bitten, Euch dem Blick Angroschs zu stellen. Werdet ihr Euch dem Ritual unterziehen und dem Herrn des Feuers und der Esse durch mich einen Blick auf Eure Seele gewähren?”
Tarmor zögert keinen Augenblick. “So sei es, Meister Winterfaust! Ich habe keine Geheimnisse vor den Zwölfen oder ihren treuen Dienern. Ich bin bereit!”
Grimmar Winterfaust bittet Tarmor, auf einem steinernen Sitz Platz zu nehmen. Dann tritt er an ihn heran, legt ihm beide Hände auf die Schultern und blickt ihm tief in die Augen. Der Praiot fühlt wie sein Körper schwer wird. Der Blick des Angroschim dringt tief in ihn. Die Hände des Zwergs liegen fest und unverrückbar auf seinen Schultern.
Für Squeech scheint es, als seien die Geweihten vor seinen Augen zu einem steinernen Standbild erstarrt. Minutenlang rührt sich nicht das Geringste. Nur die zwei Augenpaare verraten, dass noch Leben in den beiden steckt. Dann hebt Winterfaust seine Hände plötzlich mit einem Ruck von Tarmors Schultern und tritt einen Schritt zurück. Beide Geweihte strecken sich, lassen die Schultern kreisen, um sich zu lockern. Mit entspannter Miene beginnt Grimmar Winterfaust zu den erwartungsvoll blickenden Freunden zu sprechen.
“Meine Hoffnung hat sich bestätigt. Ich kann keinerlei Anzeichen für einen dämonischen Pakt erkennen, sei er beabsichtigt oder nicht!” Der Angroschim ist sichtlich erleichtert, und für einen kurzen Augenblick scheint sogar ein Lächeln über das sonst so beherrschte Gesicht zu huschen. Dann fährt Winterfaust fort: “Vielmehr erkenne ich deutlich eine starke Aura göttlichen Ursprungs.”
“Der Herr Praios hat mich also nicht verlassen!” seufzt Tarmor erleichtert.
“So scheint es zumindest.” erwidert Winterfaust, und als Tarmor ihn verwirrt anschaut fährt er fort: “Die Euch umgebende Aura ist eindeutig göttlichen Ursprungs. Wer oder was allerdings genau der Urheber dieser Aura ist, kann ich nicht sagen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es nicht Angroschs Werk ist. Soviel kann ich sagen. Ob Euch aber die Macht des Praios oder doch eines anderen Gottes ist vermag ich nicht zu erkennen.”
Keiner der beiden Geweihten bemerkt Squeechs skeptische Blicke, die er Tarmor zuwirft.
“So weit, so gut!” stellt Winterfaust fest. “Ich glaube, ihr habt mir einiges zu berichten. Seid versichert, dass Eure Geschichte in diesem Tempel gut aufgehoben ist. Und, offen gesprochen, ihr könnt zur Zeit wohl kein Angebot zur Hilfe ausschlagen.”
Sowohl Tarmor als auch Squeech sind von der Offenheit des Zwergs zwr überrascht, doch schnell wird ihnen klar, dass Winterfaust recht hat, und Tarmor beginnt mit der Unterstützung des kleinen Hexers die ganze Geschichte erneut zu erzählen. Die Wilderlande, Shepatia, das Saatkorn, Tarlisin al Borbra und das Knochenschwert, die Domäne der Thargunitoth das Ewige Licht und der Heptarch. Nichts lassen die beiden Freunde aus und der Geweihte des Angrosch hört ihnen aufmerksam zu. Hier und da streicht er nachdenklich durch seinen weissen Bart oder nickt zustimmend mit dem Kopf. Als Tarmor und Squeech zu Ende berichtet haben schaut Winterfaust sie fragend an.
“Und ihr habt also das Saatkorn des Hasses in einem Tempel des Herrn der Rache gefunden?!”
Squeech und Tarmor nicken.
“Und auf eurem späteren Weg habt ihr zufällig das Ewige Licht des Praios in den Privatgemächern des Heptarchen Xeraan entdeckt?!”
Die Freunde nicken erneut.
“Und nun wollt ihr mit der Hilfe des Lichtes und des unglaublich mächtigen Drachenschwertes das Saatkorn zerstören?”
Erneutes Nicken.
“Das ist die unglaublichste Geschichte, die ich in meinem langen Leben jemals gehört habe!” sagt der Zwerg, nun mit einem offenen Grinsen im Gesicht. “Doch der Herr des Feuers und der Esse hat mir in den letzten Wochen und Monaten immer wieder Visionen in das Feuer des Schlotes gesandt, die eure Erzählungen nun bestätigen. Konnte ich mir Anfangs auf das Meiste keinen Reim machen, so verstehe ich jetzt die Botschaften, die Angrosch mir schickte. Es ist alles andere als ein Zufall, dass ihr hier in Vallusa und letztendlich in diesem Tempel gelandet seid.”
Erstaunter könnten Squeech und Tarmor nicht dreinblicken. Es dauert einige Augenblicke, bis Squeech noch vor Tarmor die Sprache wiederfindet. Mehr als ein Stammeln bringt er jedoch nicht hervor: “Aber woher wisst ihr …, ich meine, warum wollt ihr überhaupt …, also, was können wir denn überhaupt…”
“Gemach! Ich werde euch alles erklären.” fällt ihm Grimmar Winterfaust ins Wort. “Ihr habt offen zu mir gesprochen, und so will auch ich vor euch nichts verbergen.”
Und so beginnt der Angroschim zu erzählen. Er spricht von Bildern, die er im Feuer des Schlotes gesehen hat, von Artefakten göttlichen und dämonischen Ursprungs, von Praios und Angrosch und von Blakharaz und Agrimoth. Gebannt lauschen die beiden Freunde den Worten des Zwergs, und so unglaublich sich diese auch anhören mögen, so erkennen sie doch genau, wie ihre Geschichte ein Teil davon ist. Grimmar beschreibt Bilder von Drachen und ihren Reitern, von titanischen Kämpfen und von Siegern, Besiegten und Ausgestossenen. Zwar steht jedes Bild für sich und Zusammenhänge sind nur schwerlich auszumachen, doch als roter Faden bleiben das Ewige Licht und das Saatkorn des Hasses, die untrennbar miteinander verbunden sind.
“Und nicht nur in ihrem Sein auf Dere sind diese beiden Artefakte untrennbar miteinander verbunden, nein,” fährt Grimmar fort “untrennbar verbunden sind sie seit ihrer gemeinsamen Schöpfung in der Schmiede des Hasses. Jenseits in der siebten Sphäre”
Tarmor kann es nicht fassen. Dass die beiden Artefakte in einer engeren Beziehung stehen, als gemeinhin angenommen, war ihm inzwischen schon klar. Doch das das Ewige Licht des Praios gemeinsam mit dem Saatkorn des Blakharaz erschaffen worden sein soll ist doch ein wenig viel für den Praioten. Und doch ergibt so endlich alles einen Sinn.
Grimmar beendet seine Erzählung mit den Worten “… und so ist es mein Schicksal und der Wille des Herrn des Feuers und der Esse, dass ich euch auf eurer heiligen Queste begleite. Lasst uns gemeinsam zur Schmiede des Hasses reisen und das Saatkorn vernichten!” Er streckt Tarmor und Squeech seine schwielige Hand entgegen.
“Wir könnten uns keinen wertvolleren Mitstreiter wünschen!” entgegnet Squeech und legt seine Hand auf die des Angrosch-Priesters.
“Lasst uns das unheilige Ding im Namen der Zwölfe vernichten!” spricht Tarmor.
Und als alle drei Hände übereinander liegen verspüren alle drei Streiter ein Gefühl großer Zuversicht.

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Praesi Praesi

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