Von eigenen Gnaden

Die dritte Prüfung

Die dritte Prüfung

Weder die beiden Geweihten noch Squeech fühlen sich besonders wohl bei dem Gedanken, dem Herrn der Rache – Blakharaz – bereits das zweite Opfer dargebracht zu haben! Beruhigend ist allein die Tatsache, dass die von Tarmor gepflückte Quanione immer noch blüht. Das gibt ihnen das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein, und keinen allzu grossen Frevel begangen zu haben.
Nachdem das Herz des Bären auf dem steinernen Altar geopfert worden ist, verlassen die Drei diesen unwirtlichen Ort so schnell wie möglich. An der kleinen Holzhütte legen sie eine kleine Rast ein, wobei Tarmor sich um seine Blessuren kümmern kann. Ernsthafte Wunden hat er zum Glück nicht davongetragen. Kurz überlegen sie, hier zu übernachten, und die dritte Prüfung des Wächterdämons frisch und ausgeruht anzugehen. Doch schnell stellt sich heraus, dass alle Drei hierfür viel zu angespannt sind und wahrscheinlich auch keinen erholsamen Schlaf finden würden. Sie möchten es nun hinter sich bringen! Nach einer kurzen Überprüfung ihrer Waffen und der Ausrüstung marschieren die Freunde hinunter zum Wundweiher. Als sie am Ufer angekommen sind ertönt sogleich die tiefe und grollende Stimme: “Die zweite Prüfung ist bestanden! Bestehet nun die dritte Prüfung und erlangt Einlass in die Hallen des Hasses. Findet einen starken und würdigen Gegner – und tötet ihn. Dann wird der Wundweiher zur Blutkerbe werden, durch die ihr eintreten könnt.”
Es folgt Stille.
Fragend blicken die Gefährten einander an. Wie stark soll oder muss der Gegner sein? Was meint der Wächter mit ‘würdig’? Wo sollen sie nach einem solchen Gegner suchen? Ausser einigen Tieren haben sie hier oben im Gebirge nichts gesehen, was einen Gegner darstellen könnte. Und selbst ein Bär ist kein würdiger Gegner für drei bewaffnete Recken, die bereits eine Vielzahl dämonischer Gegner vernichtet, und sogar Magier vom Schlage eines Xeraan getötet haben! Vielleicht liessen sich hier oben Drachen oder Lindwürmer finden?! Doch einen solchen Gegner aufzuspüren könnte Tage oder Wochen dauern. Die Freunde stehen noch einige Zeit am Ufer beisammen und grübeln. Und wieder ist es Squeech, der den rettenden Einfall hat. “Wessen Stärke könnte wohl angemessener sein” spricht er grinsend “und wer könnte aus der Sicht des Wächters wohl ein würdigerer Gegner sein, als der Wächter selbst?!”
“Das ist es!” pflichtet ihm Grimmar bei, und Tarmor nickt ebenfalls zustimmend.
Mit gezogenen Waffen bauen sich Squeech, Grimmar und Tarmor am Ufer des Wundweihers auf.
“Wächter des Wundweihers!” ruft Squeech mit lauter Stimme der Felswand entgegen. “Wir haben einen starken und würdigen Gegner für die dritte Prüfung erwählt. Tritt heraus und kämpfe gegen uns, denn du sollst unser Gegner sein!”
Für ein oder zwei Atemzüge lang bleibt es still. Dann setzt ein tiefes Grollen ein, das direkt aus dem Felsen vor ihnen zu kommen scheint. Das Geräusch schwillt an und wird immer lauter, bis es beinahe unerträglich wird. Der Boden beginnt zu beben und die Wasseroberfläche des Weihers kräuselt sich. Spalten tun sich im vorher glatten Stein auf und kleinere Felsstücke brechen heraus und stürzen ins Wasser. Langsam wird eine riesige Gestalt sichtbar, die sich aus dem grauen Stein herausarbeitet. An vielen Stellen reisst die Oberfläche auf und rotglühende Lava schimmert hindurch. Mit weit aufgerissenen Augen sehen die drei Freunde dem etwa sieben bis acht Schritt grossen Ungeheuer zu, wie es aus der Wand heraus in den Weiher tritt. Um die Beine herum beginnt das Wasser sogleich zu kochen. Heisses Wasser spritzt umher und dichte Dampfschwaden steigen auf. Das Innere des Dämons scheint aus flüssigem Gestein zu bestehen, auf dem aussen unterschiedlich grosse Schollen schwarzer Schlacke schwimmen. Ein markerschütterndes Brüllen dringt aus dem glühenden Schlund des Riesen. “Ihr habt mich gerufen! Ihr habt Remorhazz herausgefordert. So sterbt denn von der Hand des Wächters der Blutkerbe!”
Ohne zu zögern stürmt Remorhazz vor und lässt seine riesige Steinfaust auf Grimmar herniedersausen. Der Zwerg kann im letzten Moment ausweichen, und die Faust des Dämons kracht mit Urgewalt auf den Sand des Ufers. Der Boden bebt unter den Füßen der Freunde und Erde und zu Glas geschmolzener Sand spritzen umher. Squeech rennt nach altbekannter Manier zuerst aus der Reichweite des Gegners heraus. Wo Remorhazz hinschlägt wächst im wahrsten Sinne des Wortes kein Gras mehr! Als der Wächterdämon aus dem Wasser herausschreitet sieht Tarmor seine Chance, und setzt zu einem fulminanten Schlag an. Dieser erwischt den steinernen Gegner genau zum richtigen Zeitpunkt und bringt ihn aus dem Gleichgewicht. Der tonnenschwere Körper kippt – zuerst langsam, dann immer schneller – zur Seite, und schlägt mit Getöse am Ufer des Weihers auf. Wieder spritzt kochendes Wasser auf. Der Wächter liegt am Boden und das kühlende Wasser des Weihers scheint ihm arg zuzusetzen. Grimmar zögert nicht. Entschlossen schlägt er mit seinem geweihten Hammer zu und lässt große Brocken heißer Schlacke und Gesteins umherfliegen. Wütend schlägt Remorhazz um sich und versucht, wieder auf die Beine zu kommen. Doch da zischt ein von Squeech abgefeuertes, magisches Geschoss zwischen den beiden Geweihten hindurch, trifft, und wirft den Koloss einige Schritte nach hinten, wo er noch etwas tiefer im Wasser versinkt. Tarmor täuscht aus eher schlechter Position einen Schlag an, dem Remorhazz auszuweichen versucht. Dabei öffnet er seine Flanke jedoch für den Hammer des Angroschim, der erneut grosse Brocken heissen Gesteins aus dem Dämon herausschlagen kann, die zischend und brodelnd im Wasser versinken. Remorhazz gelingt es nicht, wieder auf die Beine zu kommen. Unbarmherzig lassen die Freunde ihre Hiebe und Zauber auf den Wächter niederfahren. Dampf steigt von der gesamten Wasseroberfläche auf. Die Temperatur des Wassers ist für die Gefährten kaum noch zu ertragen, und zwingt die beiden Geweihten aus dem hüfthohen Wasser ans Ufer. Ein weiterer, magischer Feuerball von Squeech hält ihnen dabei den Dämon vom Leib. Nicht mehr direkt von Grimmar und Tarmor bedrängt schafft es Remorhazz dann doch, sich aus dem brodelnden Wasser zu erheben. Der Dämon ist schwer angeschlagen. An vielen Stellen sind grosse Stücke aus dem steinernen Körper herausgebrochen. Zwar scheint immer noch die glühende Lava durch die Risse im Stein, doch hat das Wasser des Weihers den glühenden Stein deutlich abgekühlt. Regelrecht verzweifelt wirft sich Remorhazz dem am nächsten stehenden Tarmor entgegen. Dabei reisst er sein riesiges Maul derart weit auf, dass wohl ein kleines Pferd hineinpassen würde. Oder aber ein Geweihter! Reflexartig reisst Tarmor den Arm mit dem Ewigen Licht nach oben, doch der heisse Atem des Wächters schlägt ihm entgegen und der riesige, steinerne Schlund umfängt ihn zur Gänze. Remorhazz hat den Praiosgeweihten regelrecht verschluckt.
Squeech und Grimmar zögern keinen Augenblick. Mit erhobenem Hammer stürmt der Angroschim dem Dämon entgegen. Squeechs ausgestreckte Hände weisen auf den Dämon und werden bereits von kleinen, blauen Blitzen umspielt. Doch bevor das magische Geschoss sich von Squeechs Händen löst, und bevor Grimmar mit seinem schweren Hammer zuschlagen kann ertönt ein ohrenbetäubender Knall! In einer gewaltigen Explosion zerspringt der steinerene Wächter in unzählige Steinbrocken und heisse Lava zischt durch die Luft. Die Wucht der Explosion reisst Grimmar von den Beinen und auch Squeech wird rückwärts ins Gebüsch geschleudert. Als Rauch und Staub sich ein wenig verzogen haben ist im Zentrum der Explosion der Praiosgeweihte zu erkennen, wie er sich zuerst langsam auf die Knie und dann auf die Beine erhebt. Dünne Rauchfäden steigen von Haaren, Bart und Umhang auf. Auch Grimmar und Squeech kommen wieder auf die Beine, und müssen einige glimmende Stellen an ihrer Kleidung ersticken.
“Das hier”, Tarmor hält das Ewige Licht mit ausgestrecktem Arm nach vorne “ist dem Wächter wohl nicht bekommen!” Dabei schmunzelt er, und auch seine beiden Freunde können sich ein Grinsen nicht verkneifen.
“Seht mal, dort!” sagt Squeech, und zeigt auf den Weiher.
Das Wasser des Weihers hat sich blutrot gefärbt. Vereinzelt steigen Blasen auf. Das Bildnis des Wächters ist von der Felswand verschwunden, und nichts verrät, dass es jemals dort gewesen ist.
Der Wundweiher ist zur Blutkerbe geworden!
Tarmor blickt noch einmal zu der immer noch blühenden Quanione an seinem Umhang. “Lasst uns keine Zeit verlieren.” sagt er, und watet in den Weiher hinein – auf die Felswand zu. Squeech und Grimmar folgen ihm.
Als sie nebeneinander vor dem grauen Fels stehen nehmen sie noch einige tiefe Atemzüge, bevor sie ihren Atem anhalten und kopfüber in die roten Fluten abtauchen.

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Praesi Praesi

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