Von eigenen Gnaden

Die erste Prüfung

Die erste Prüfung

“Hier stehen drei Kämpfer der Zwölf und verlangen Einlass!” ruft Tarmor über den Weiher hinweg in Richtung der Felswand. Ein langgezogenes, tiefes und Lachen dröhnt in den Ohren der drei Feunde.
“Wer die Hallen des Hasses betreten will, muss drei Prüfungen bestehen! Habt ihr erst begonnen, so gibt es kein Zurück!”
Ein kurzer Blick untereinander reicht den Gefährten, und Grimmar antwortet: “Wir stellen uns den Prüfungen voller Zuversicht!”
“So beginnen jetzt die Prüfungen!” grollt die unheimliche Stimme. “Der, der dem Widersacher des Herrn der Rache dient, trete vor.”
Tarmor wirft einen Blick auf die immer noch blühende Quanione an seinem Umhang und macht einen Schritt nach vorne.
“Du Wurm,” fährt die offenbar zu dem in Stein gemeisselten Wächterdämon gehörende Stimme fort, “gehe hin, und opfere den kleinen Finger deiner linken Hand dem Herrn des Hasses auf seinem Altar.”
Dann ist alles still. Unberührt und spiegelglatt liegt der Weiher vor ihnen. Tarmors Blick geht ins Leere. Kann er das tun? Kann er dem Herrn der Rache ein Opfer darbringen? Kann er sich tatsächlich selbst verstümmeln? Wo er sich doch einst mit seinem Geist, seinem Glauben und seinem Körper dem Herrn Praios geweiht hat? Er wendet sich von dem Weiher ab und senkt den Blick. Und als er zu seinen Füßen wieder die vielen, blühenden Quanionen sieht ist er sich plötzlich sicher, dass sein Gott ihn nicht aufgegeben hat. Mag Blakharaz doch den Finger bekommen, das ist nur ein kleines Opfer. Viel wichtiger ist es, seinem Herrn Praios zu zeigen, wie weit er zu gehen bereit ist!
“Herr Praios,” murmelt er, “Vater der Götter, Behüter des Lichtes und Bewahrer der Ordnung. Schau auf deinen Diener herab und schenke ihm den Mut, das zu tun, was unausweichlich ist. Schenke ihm die Kraft, die Prüfungen die da kommen mögen zu überwinden. Und bewahre und festige seinen Glauben an die göttliche Ordnung und den Sieg des Lichtes über die Finsternis!”
Mit seiner rechten Hand streicht er über die Quanione an seinem Umhang und bittet Praios noch einmal still um Verzeihung.
“Lasst uns gehen!” spricht er dann leise zu seinen Freunden. Schweigend passieren die Gefährten die kleine Hütte, steigen den Weg zu den Klosterruinen hinauf und erreichen schließlich den Basaltblock inmitten des Kraters. Immer noch rinnt dunkelrotes Blut an dem schwarzgrauen Stein herab, als sei hier gerade eben erst ein Opfer dargebracht worden. Squeech und Grimmar schauen zu, wie Tarmor sich den Handschuh von der linken Hand streift und ihn unter seinen Gürtel schiebt. Als der Praiot allerdings das Knochenschwert aus dem Eisenring am Gürtel zieht wird Squeech unruhig. Bereits mehr als einmal hat er mitansehen müssen, welch unvorstellbare Macht diesem Artefakt innewohnt, und welche Auswirkungen der Gebrauch der Waffe stets auf Tarmor gehabt hat.
“Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist?!” wirft er hastig ein. “Wenn du es denn tun musst – musst du es wirklich damit tun?” sagt er, und deutet auf die Waffe.
“Ich habe schon einige Male am eigenen Leib erfahren, wie diese Waffe Blakharaz aus meinem Geist verbannt hat. Wie sie ihn zurückdrängte und verhinderte, dass sich der Herr der Rache meiner bemächtigte.” erwidert Tarmor. “Es sind nur mein Glaube an den Herrn Praios,” fährt er fort und hebt dabei das Ewige Licht “und diese Waffe, die zwischen mir und Blakharaz stehen. Mal sehen, wie dem Herrn der Rache ein mit dieser Waffe dargebrachtes Opfer schmeckt!”
Dann spreizt er die Finger seiner linken Hand und legt sie auf den blutigen Basaltblock, so dass der Daumen zu ihm zeigt. Das Blut fühlt sich warm an. Warm und seidig. Als sei es ganz frisch. Langsam führt er die bleiche Knochenklinge nahe dem Heft an den kleinen Finger. Er atmet einige Male tief und schwer bevor er den Kopf hebt und ruft
“Auf diesem Altar opfere ich dem Herrn der Rache diesen Finger!”
Dann drückt er die Klinge nach unten.

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Praesi Praesi

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