Von eigenen Gnaden

Die zweite Prüfung

Die zweite Prüfung

Als seien sie aus Wachs gleitet die Klinge durch Fleisch und Knochen hindurch. Es zischt kurz und ein dünner Rauchfaden steigt auf. Es riecht nach verbranntem Fleisch. Mit schmerzverzerrtem Gesicht beisst Tarmor die Zähne aufeinander und zieht seine Hand von dem blutigen Altar. Sogleich beginnt der zurückgebliebene Finger in dem Blut zu versinken, als sei gar kein Stein darunter. Die Wunde an Tarmors Hand blutet nicht. Vielmehr sieht sie aus wie kauterisiert, und auch der Schmerz ist bei weitem nicht so stark, wie Tarmor es erwartet hat. Einige Momente verharren die Freunde an Ort und Stelle und warten ab, ob etwas passiert. Doch es tut sich nichts. Zögernd schaut Tarmor an seinem Umhang herab. Die Quanione steht nach wie vor in voller Blüte. Er ist sichtlich erleichtert. Seine Hand schmerzt stark, doch muss die Wunde nicht weiter versorgt werden.
Ohne Hast klettern die Freunde aus dem Krater hinaus und marschieren wieder schnurstracks zum Weiher und der Felswand. Die Stimme des Wächterdämons lässt nicht lange auf sich warten.
“Du, der du deinen Finger Tyakra’man geschenkt hast, wirst IHM das Herz eines Bären darbringen, den du mit blossen Händen getötet hast. Dann habt ihr die zweite Prüfung bestanden.”
Danach ist es wieder still. Tarmor ist relativ entspannt. Es wird zwar nicht einfach werden, mit bloßen Händen einen Bären zu töten, doch zumindest muss er weder sich selbst oder einem Gefährten irgendetwas abschneiden, noch muss er gegen einen dämonischen Gegner kämpfen. Ein guter Kampf also, ohne Flüche, Magie oder Gehörnte. “Jetzt müssen wir erstmal einen Bären finden. Vielleicht sollten wir im Wald nach Spuren suchen.” meint Grimmar, als Squeech unvermittelt “Ha!” ruft, und in Richtung der Hütte davonläuft. “Folgt mir, schnell!” ruft er noch, ohne sich umzudrehen. Grimmar und Tarmor schauen sich verständnislos an, zucken dann mit den Schultern und laufen Squeech hinterher. Als sie zur Hütte kommen ist von drinnen lautes Gerumpel zu hören. Glas klirrt und offenbar geht einiges zu Bruch. Imm Inneren der Hütte finden die beiden Geweihten Squeech dabei, wie er die Gefäße auf den Regalen und auf dem Boden nacheinander öffnet und dann manche zur einen, und manche zur anderen Seite stellt. “Ein Paradies für Bären!” sagt er, als er kurz aufblickt. “Und draussen ist jede Menge Honig. Helft mir, den Honigwein und den Schnaps ’rauszusuchen!”. Schon zieht er den Korken von der nächsten Amphore und hält seine Nase über die Öffnung. Angewidert verzieht er das Gesicht und wirft die Flache achtlos in eine Ecke. “Essig!” brummt er, und öffnet flink einen irdenen Krug mit Henkel. Zwar rümpft er kurz die Nase, doch dann grinst er. “Feinster Honigschnaps!” ruft er freudig aus und stellt den Krug vorsichtig zu einigen anderen. Als der Hexer bemerkt, wie Grimmar und Tarmor ihm verständnislos zuschauen lässt er die Arme sinken und schut seine Freunde grinsend und mit leicht schiefgelegtem Kopf an, als stünden zwei nichtswissende Schüler vor ihm. “Honig!” ruft er, als müssten die beiden Geweihten sofort verstehen, was er meint. “Honig! Bär! Honigwein und Honigschnaps! Na?” Und tatsächlich erhellen sich die Mienen seiner Gegenüber. “Das ist verrückt!” murmelt Grimmar, “Aber es könnte tatsächlich funktionieren.”
“Um das herauszufinden müssen wir es ausprobieren.” sagt Tarmor, und beginnt zusammen mit Grimmar die von Squeech herausgesuchten Flaschen, Krüge und Amphoren nach draussen vor die Hütte zu tragen. Ein alter Holzbottich wird von Grimmar notdürftig mit Moos und Grasknäueln abgedichtet. Während die beiden Geweihten die aus der Hütte herausgetragenen Behälter in den Bottich zu entleeren begibt sich Squeech zu den Bienen stöcken hinter der Hütte. Er streift sein Handschuhe über und wirft seinen Umhang über den Kopf. Durch das an vielen Stellen schon fadenscheinige Gewebe hat er eine ausreichende Sicht. Vorsichtig nähert er sich den Bienenstöcken. Zwar machen sie einen gepflegten Eindruck, aber dennoch scheint seit Wochen niemand mehr hier gewesen zu sein. An einem warmen Tag wie diesem läuft an manchen Stellen der flüssige Honig in dünnen Fäden aus dem gewickelten Stroh der Bienenstöcke. Vorsichtig beginnt er, die süße Masse in einem alten Eimer aus Leder zu sammeln. Die Gegenwehr der Bienen ist gering – schließlich quellen die Insektenbehausungen beinahe über. Und so kehrt Squeech bereits nach kurzer Zeit zu seinen Freunden zurück, entleert den gut gefüllten Eimer in den Bottich und rührt das Ganze mit einem abgebrochenen Tischbein aus der Hütte kräftig um.
“Jetzt heisst es abwarten.” meint Tarmor und nimmt einen großen Schluck aus einer Flasche mit Honigschnaps, die er anschliessend an Grimmar weiterreicht.
“Wir sollten uns am Waldrand bei der Hütte verstecken.” ergänzt Grimmar, und nimmt ebenfalls einen tiefen Zug aus der Flasche. “Dann los!” meint auch Squeech, als er die Flasche von Grimmar entegegen nimmt. Auch er trinkt einen Schluck und lässt den Rest in den Bottich laufen. Schätzungsweise vierzig Maß süße, klebrig-zähe und vor allem alkoholische Flüssigkeit haben sie da zusammengemischt. In etwa dreissig Schritt Entfernung von dem Bottich machen sie es sich hinter einigen dichtbelaubten Büschen bequem.
Lange bleibt es ruhig und nichts passiert. Am frühen Abend jedoch stößt Squeech seine beiden dösenden Freunde an. Mit dem Daumen zeigt er über seine Schulter auf den Bottich, und nachdem sich Grimmar und Tarmor kurz die Augen gerieben haben, erkennen auch sie den stattlichen Bären der sich da an ihrem Gebräu gütlich tut. Ganz schwarz ist das Tier und Grimmar schätzt, dass der Bär aufgerichtet wohl bestimmt zweieinhalb Schritt gross sein muss. Meister Petz scheint es richtig zu schmecken! Tief hat er die Schnauze in den Bottich versenkt, und trotz der Entfernung können die Freunde hin und wieder lautes Schlürfen und Schmatzen vernehmen. Beinahe eine ganze Stunde schauen die Drei aus ihrem Versteck zu, wie der Bär sich über den Bottich hermacht und mit seiner langen Zunge immer wieder seine Schnauze und seine Pranken sauberleckt. Deutlich zu erkennen ist jetzt auch, wie der Alkohol sein Werk vollbringt. Mehrmals schwankt das schwarze Tier als es den Kopf hebt. Einmal verliert es sogar das Gleichgewicht als es auf allen Vieren steht und fällt auf die Seite. Dann scheint der Bär genug zu haben. Miet seinen Vorderpranken stütz das Tier sich auf den Rand des Bottichs, der daraufhin umkippt.
Im Gebüsch macht Tarmor sich derweil bereit. Seinen Schild, den Umhang und die Handschuhe hat er abgelegt, und auch seine Waffen und das Ewige Licht lässt er zurück. Und dann ist es soweit. “Schnell, er haut ab!” ruft Grimmar.
Tarmor läuft los. Der Bär ist recht langsam und kehrt ihm den Rücken zu. Selbst auf allen Vieren schwankt und torkelt das Tier heftig umher. Der Alkohol scheint auch die Sinne des Bären stark beeinträchtigt zu haben, denn selbst, als Tarmor auf wenige Schritte herangekommen ist, macht der pelzige Gegner keine Anstalten, sich umzudrehen. Tarmor springt ab. Hart und schwer landet er auf dem Rücken des Tiers das laut aufbrüllt. Nur mit Mühe gelingt es dem Geweihten, den Hals des Bären mit seinem rechten Arm zu umklammern. Er drückt zu. Das Brüllen des Bären, als dieser sich aufbäumt, geht ihm durch Mark und Bein. Durch den Alkohol, das schnelle Aufrichten und das zusätzliche Gewicht Tarmors an seinem Rücken verliert der Bär das Gleichgewicht, und kippt nach hinten um. Laut stöhnt Tarmor vor Schmerz auf, als er hart auf dem Boden aufschlägt und sein schwerer Gegner genau auf ihn fällt. Sternchen tanzen vor seinen Augen und er merkt, wie sein Arm langsam von dem Hals des Tiers abrutscht. Wild schlägt der Bär um sich und zappelt, doch kann er den Geweihten so nicht treffen. Endlich gelingt es Tarmor, seinen linken Arm unter dem Bären freizubekommen und ihn ebenfalls an den dessen Hals zu führen. Jetzt kann er den Würgegriff seiner Rechten mit der Linken kontern, und richtig zudrücken. Keine Sekunde zu früh, denn sein Gegner beginnt, sich umher zu wälzen. Als der schwere Körper des Tiers über Tarmor hinwegrollt presst es ihm die Luft aus den Lungen. Doch seine Arme lassen nicht locker. Laut brüllend windet der Bär den Kopf in Tarmors Griff, seine Pranken schlagen wütend umher. Im Bestreben, seinen Gegner zu fassen dreht er sich um die eigene Achse, kommt dann wieder auf alle Viere und richtet sich schließlich ganz auf. Inzwischen sind die Kämpfer zwischen die Bäume am Waldrand geraten. Äste schlagen Tarmor ins Gesicht, und mehr als einmal gerät der Praiot zwischen das wilde Tier und einen Baumstamm. Gesicht und Hände sind von tiefen Kratzern übersät und bluten stark. Der Geruch des Blutes scheint das Tier nur noch wilder zu machen.
Grimmar und Squeech folgen den beiden quer über die Lichtung und in den Wald hinein, um den Kampf verfolgen – und vielleicht sogar im Notfall eingreifen zu können.
Lange gelingt es Tarmor, den Würgegriff zu halten. Doch dann stossen die Kontrahenten seitlich gegen einen Baum, und ein abgebrochener Ast stößt mit voller Wucht gegen Tarmors Rippen. Für einen Augenblick lockert sich der Griff seines rechten Armes, und als der Bär sich dreht, rutscht der Praiot – immer noch mit dem linken Arm am Hals des Tieres hängend – auf die andere Seite, und schaut der Bestie nun direkt in die Augen! Weit aufgerissen und blutunterlaufen von dem Würgegrif blicken sie Tarmor an. Laut brüllt das Tier auf, und der nach Alkohol stinkende Bärenatem schlägt dem Geweihten entgegen. Der Bär presst ihn gegen den Baum und reisst das Maul weit auf. Nur wenige Fingerbreit von seinem Gesicht entfernt sieht Tarmor die riesigen Zähne der Bestie. Er reisst seinen rechten Arm hoch und drückt dem Tier den Unterarm mit den stählernen Armschienen ins Maul. Mit aller Kraft stößt er sich von dem Baum hinter ihm ab. Der Bär geht zwei, drei Schritte rückwärts, kommt ins Taumeln und stürzt dann rückwärts zu Boden. Tarmor legt sein ganzes Gewicht auf den Arm im Maul des Bären, und als die Kontrahenten auf dem Boden aufschlagen, spürt und hört er das laute Krachen als das Genick des Tieres bricht. Schwer atmend rollt der Praiot zur Seite und bleibt erschöpft auf dem Waldboden liegen.
Squeech und Grimmar sind sogleich zur Stelle. Tarmor ist nicht ernsthaft verletzt, und der Bär ist tatsächlich tot. Als der Praiot wieder auf den Beinen ist, macht er sich sogleich daran, den Brustkorb des Tieres zu öffnen, und das Herz herauszunehmen. Dann macht sch das Trio wieder auf den Weg in die Ruinen des Klosters, wo Tarmor das Herz wortlos auf der stetig blutenden Basaltstele platziert. Wie bereits zuvor sein eigener kleiner Finger versinkt auch das Herz des Bären langsam in der dunkelroten Flüssigkeit. Auch dieses Opfer wurde angenommen. Wieder blickt Tarmor nach kurzem Zögern auf die Quanione an seinem Umhang.
Die heilige Blume des Praios blüht in voller Pracht!

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Praesi Praesi

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